Welt 22.05.2026
22:02 Uhr

„Nach drei Jahren Rezession geht weiter nichts voran“ – Malmendier kritisiert Entlastungspolitik


Der IWF traut Deutschland nur 0,8 Prozent Wachstum zu – für Ex-Wirtschaftsweise Ulrike Malmendier ist die Lage alarmierend. Nach drei Jahren Rezession gehe „weiter nichts voran“. Und die Bundesregierung mache es mit ihrem „Gießkannenprinzip“ noch schlimmer.

„Nach drei Jahren Rezession geht weiter nichts voran“ – Malmendier kritisiert Entlastungspolitik

Die Lage der deutschen Wirtschaft ist nach Einschätzung von Ex-Wirtschaftsweiser Ulrike Malmendier ernst – und könnte sich noch verschlechtern. „Es kann sogar noch schlimmer kommen, je nachdem, wie lange der Irankrieg andauert. Insgesamt ist der Zustand der Wirtschaft erschütternd: Nach drei Jahren Rezession und Stagnation geht in Deutschland weiter nichts voran“, sagte die Finanzmarktprofessorin der US-Eliteuniversität Berkeley im Spiegel-Interview (verlinkt auf https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ulrike-malmendier-ueber-tankrabatt-und-co-wie-die-buerger-besser-entlastet-wuerden-a-101181b9-ddb7-4660-ba4b-e2c028c11c75) . Der IWF traut Deutschland in diesem Jahr nur 0,8 Prozent Wachstum zu. Die geplanten Reformen der Bundesregierung bei Gesundheit, Rente und Arbeitsmarkt seien zwar überfällig, sagte Malmendier. Doch die entscheidende Frage bleibe: „Wie erzielen wir endlich wieder Wachstum?“ Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugen (verlinkt auf https://eur01.safelinks.protection.outlook.com/?url=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2Fpreferences%2Fsource%3Fq%3Dwelt.de&data=05%7C02%7Ckarin.haswani1%40axelspringer.com%7C2497b5373cb94f76978408deb7f80acf%7Ca1e7a36c6a4847689d653f679c0f3b12%7C0%7C0%7C639150473118794282%7CUnknown%7CTWFpbGZsb3d8eyJFbXB0eU1hcGkiOnRydWUsIlYiOiIwLjAuMDAwMCIsIlAiOiJXaW4zMiIsIkFOIjoiTWFpbCIsIldUIjoyfQ%3D%3D%7C0%7C%7C%7C&sdata=Wx7BevlMyMPBD0GBs6lRHpdMNSVracmBK35S3aypIgI%3D&reserved=0) Besonders kritisch äußerte sich Malmendier über die Art, wie die Bundesregierung Bürger entlastet. „Mich stört das Gießkannenprinzip dieser Maßnahmen“, sagte sie. Deutlich sinnvoller wäre es, nicht immer 100 Prozent der Bevölkerung mitzunehmen, „sondern vielleicht nur jene 20 Prozent, die diese Entlastung wirklich benötigen“. Dazu müssten die Behörden die verschiedenen Datensätze aus Einkommensteuer, Sozialbereich und Auszahlungsmechanismen endlich besser verknüpfen. „Ich verstehe nicht, warum das nicht absolute Priorität hat.“ Als Beispiel nannte Malmendier den Tankrabatt: Hätte das Bundesfinanzministerium über alle nötigen Daten verfügt, hätte es nach Einkommen und Bedarf unterscheiden können – aus der Pendlerpauschale ablesbar, wer welche beruflichen Wege hat, aus der Kfz-Steuer, wer übergroße Autos bewegt. „Es ergibt einfach keinen Sinn, allen Bürgern dieselbe Entlastung zu gewähren.“ Durch gezieltere Maßnahmen könnten enorme Summen gespart werden: „Könnte die Regierung gezielt entlasten und entscheiden, wer profitieren soll, kämen wir vielleicht hier und da ganz ohne Steuererhöhungen aus.“ Fehlanreize im Sozialsystem beseitigen Auch beim Steuersystem sieht Malmendier großes Potenzial. „Wenn die Koalition das bestehende Steuersystem besser austarieren würde, müssten wir über manche Erhöhungen oder Senkungen gar nicht reden.“ Ein zentrales Problem seien fehlende Arbeitsanreize: Wer Bürgergeld oder Mietzuschüsse bekomme und dann einen Euro über der Freigrenze verdiene, dem nehme der Staat oft wieder viel Lohn weg. „Warum sollte ich mich also um einen Job kümmern? Dieses Problem will ich als Erstes gelöst sehen, bevor wir über Umverteilung sprechen.“ Deutschland allein könne aus der Krise nicht herauswachsen, betonte Malmendier. Es benötige einen echten EU-Binnenmarkt, einen einheitlichen Kapitalmarkt, gemeinsame Energiestrukturen und koordinierte Verteidigungsinvestitionen. In der Karlspreis-Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz steckten dazu viele gute Ansätze. „Mir fehlt aber der Elan der Bundesregierung, da jetzt voll reinzugehen.“ Dabei sieht Malmendier gerade im Bereich KI und Industrieproduktion großes Potenzial für Europa: „Wir haben die Weltmarktführer, die Daten, die Softwareingenieure, die eigentlich gern in Europa bleiben würden.“ Das Problem liege weniger in der Gründungsrate – die sei zuletzt sogar gestiegen – als darin, dass wachsende Unternehmen häufig in die USA abwanderten, vor allem wegen des leichteren Zugangs zu Risikokapital.